14-18 Zwei Fronten,
Eine Stadt

Triester Geschichten


Während des Ersten Weltkrieges “erwartete” Triest nicht nur den Einzug Italiens, denn außer den Irredentisten – den sogenannten Unerlösten – lebten in der Stadt auch viele k.u.k.-treue Triestiner. Triest war demnach eine eher “instabile” Stadt, die zwischen zwei Staaten schwebte, mit Kämpfern an beiden Fronten, mit Bombardierungen von Seiten der italienischen Luftstreitkräfte und der italienischen Marine. Aber gleichzeitig war es auch eine Stadt, die vom österreichisch-ungarischen Heer beschützt wurde, eine Stadt, die zu nah an den Kriegsschauplätzen lag und zu weit weg von den Nachschublinien.

Die Ausstellung “14-18 Zwei Fronten. Eine Stadt” möchte die Geschichte Triests im Schnelldurchlauf, doch von einer anderen Perspektive zeigen, bei der die unterschiedlichen Erfahrungen und Erlebnisse ihrer Bewohner während des Ersten Weltkrieges und in der Folgezeit dargestellt werden. Mit Hilfe von Fotos, Erinnerungsstücken, Deko-Objekten und Dokumenten, die aus verschiedenen Privatsammlungen sowie aus den städtischen Museen und Archiven – Museum für Geschichte und Kunst, Stadtbibliothek Attilio Hortis, Diego de Henriquez-Museum – stammen, setzt sich die Ausstellung ein ehrgeiziges Ziel: nämlich einen Einblick in die Geschichte der Stadt und ihrer Bewohner im Zeitraum 1914-1918 zu gewähren.


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Zu sehen ist die Ausstellung, die von der Stadt Triest mit Unterstützung der Autonomen Region Friaul Julisch Venetien organisiert wurde, in der ehemaligen Triester Fischmarkthalle “Salone degli Incanti”, Riva Nazario Sauro 1, vom 19. Dezember 2015 bis 19. Juni 2016. Lucio Fabi, Historiker und Museumsexperte, ist der Kurator der Ausstellung, für die fachliche Leitung zeichnet Bianca Cuderi von den Städtischen Bibliotheken Triest verantwortlich.

Das auschließlich historische Konzept der Ausstellung”, führt der Triester Kulturstadtrat Paolo Tassinari aus, “zeigt das Bestreben der Stadtverwaltung, die Ereignisse, die sich vor hundert Jahren zugetragen haben, in einer zeitgenössischen Interpretation darzustellen, die durch Gestaltung und Layout zusätzlich unterstrichen wird.”

Die von den städtischen Einrichtungen zur Verfügung gestellten Exponate”, so Bianca Cuderi, “beweisen einmal mehr, wie wichtig diese Zeitzeugen für die historische Forschung sein können. Die aus dem Stadtarchiv stammenden Register für die Gefallenen und die Rekruten sowie die Zeitungen und Veröffentlichungen aus der Stadtbibliothek Hortis, die Tagebücher und Fotos aus dem De Henriquez-Museum und aus der Fotothek der Städtischen Museen – aber auch weitere, für die Ausstellung in Anspruch genommene Materialquellen – zeigen eine bisher ungenutzte Vielfalt an Kulturgütern, die wir mit diesem Event einem breiteren Publikum näher bringen möchten.”

Zum ersten Mal,” berichtet Lucio Fabi, “wird hier der Versuch unternommen, die Erfahrungen und unterschiedlichen Schicksale von vom Krieg tief gezeichneten Frauen und Männern aus Triest in strukturierter und reflektierter Abfolge darzustellen: Triester Geschichten, so lautet der Untertitel der Ausstellung, werden hundert Jahre nach den tragischen Geschehnissen beleuchtet, jetzt allerdings in einer eher distanzierten und abgeklärten Form. Untermauert wird diese Vorgehensweise durch eine umfangreiche Foto- und Bildersammlung sowie Dokumenten, die aus bisher nicht genutzten Informationsquellen stammen. Mit Sicherheit wird das ein weiterer Anreiz zum Besuch der Ausstellung und zu weiterführender Forschungsarbeit sein.”

Die didaktisch konzipierte und visuell beeindruckende Ausstellung, zu denen die vielen Dokumente, Fotos, Originalstücke, die Infografik und die zahlreichen Exponate und Gegenstände wesentlich beitragen, gliedert sich in verschiedene Themenbereiche: es geht um “Fronten”, die eine Doppelinterpretation des Ausstellungsverlaufs zulassen (Triest im Krieg, Antagonisten, Krieg im Alltag, Die umkämpfte Stadt) und um Suggestionen (Die interne Front, Die Kampffront, Die große Front, Die imaginäre Front).

Bereichert wird die Ausstellung, die von Lorenzo Michelli koordiniert und von Architekt Dimitri Waltritsch gestaltnerisch umgesetzt wurde – für das grafische Design ist Matteo Bartoli, für die Presse und digitale PR sind Federica Zar und Francesca Concina verantwortlich – durch die Kollektionen aus der Fotothek der Städtischen Museen sowie Filmmaterial aus dem Filmarchiv Cineteca del Friuli und von Cappella Underground.

Das Gestaltungskonzept entspricht dem Thema der Ausstellung”, erklärt Dimitri Waltritsch, “und schafft auch einen Dialog mit der außergewöhnlichen Location, nämlich der Fischmarkthalle. Anhand der Inszenierung kann man auch die damalige Instabilität der Stadt nachvollziehen. Wir haben zum Beispiel eine Reihe von runden Schaukästen so angeordnet, dass der lineare Verlauf der historischen Ereignisse unterbrochen wird. Man kann praktisch beim “Flanieren” durch die Halle, auf ungewöhnliche Art und Weise etwas über die menschlichen Schicksale und die Kriegsgeschehnisse jener Zeit erfahren. Doch dieser durch die zylinderförmigen Behälter ausgelöste “Walzer” setzt sich auch mit Hilfe der Hallensäulen fort, die den einstigen Fischmarkt räumlich gliedern, indem sie ein Hauptareal sowie diverse Nebenbereiche schaffen. Zur Einzigartigkeit dieses Raumes tragen die hohe Decke und das außergewöhnliche Licht bei, das die Exponate und Ausstellungsbehälter noch stärker in den Fokus rückt.”


Der Kurator
Lucio Fabi

Lucio Fabi, Historiker und Museumsberater, veröffentlichte zahlreiche Bücher zu den sozialen Aspekten und Symbolen des Ersten Weltkrieges, u.a. Gente di trincea (Mursia 1994), Trieste 1914-1918 Una città in guerra (MGS Press 1996), La prima guerra mondiale (Editori Riuniti 1998), Il bravo soldato mulo (Mursia 2012), Soldati d’Italia (Mursia 2014). Er beschäftigt sich aktiv mit der historischen Aufarbeitung und Aufwertung des einst vom Krieg betroffenen Gebietes, indem er fachliche Führer herausgibt und Themenwege konzipiert. Er wirkte an der Schaffung und Ausstattung verschiedener Museen über den Großen Krieg mit, und zwar im Trentino, im Veneto und in der Region Friaul Julisch Venetien, unter anderem beim kürzlich eingerichteten “Museo della Guerra per la Pace Diego de Henriquez” der Stadt Triest (2014). Lucio Fabi veranstaltet Ausstellungen in Italien und im Ausland. Als wissenschaftlicher Berater wirkte er bei der Produktion von 10 DVDs mit, die die Journalisten Paolo Rumiz und Alessandro Scillitani (2014) für die italienische Tageszeitung “La Repubblica” veröffentlichten. Er ist Mitglied des Interministeriellen wissenschaftlichen Ausschusses zum 100jährigen Gedenken des Ersten Weltkrieges.